Mechthild Feuerstein
 
   
Fotos: Thilo Beu  
Norma
von Vincenzo Bellini

Regie: Florian Lutz
Bühne: Martin Kukulies
Kostüme: Mechthild Feuerstein
Oper Bonn, Oktober 2012
  Gallier und Sparpolitik an der Bonner Oper

"Norma" von Vincenzo Bellini

Von Christoph Schmitz (dradio 29.10.12)

Der junge Regisseur Florian Lutz inszeniert "Norma" als gallische Ulknummer mit Asterix und Obelix. Dabei erzählt er an der Bonner Oper mehr als eine Geschichte: Er karikiert den Klassik-Kommerz und zeigt die existenzielle Liebesgeschichte zwischen Norma und Pollione.
Warum geht man in Vincenzo Bellinis "Norma"? (…) Warum tut man sich das an? Natürlich wegen der Musik, eigentlich wegen einer einzigen Arie, wegen "Casta Diva", und immer noch mit Maria Callas' Stimme im Ohr. (…)
Die Bonner Inszenierung gibt dem Affen sofort Zucker und liefert allen Schmachtgelüsten Spontanbefriedigung. Noch bevor sich der Vorhang hebt, winkt der gespielte Theaterdirektor Chor und Titelsopranistin an die Rampe, und das Klassik-Spektakel startet, mit "Casta Diva". (…) Zur Ouvertüre dann lässt der Haus-Chef die Kulisse auffahren, alte Bäume, Nebel, Mondlicht, und echte Gallier: Asterix und Obelix mit Hinkelstein und Idefix, Majestix, Miracolix, Troubadix und alle anderen und natürlich kräftig vermöbelte römische Blechbläsersoldaten.
"Norma" als gallisch-gallige Ulknummer. Die ersten Zuschauer wüten und flüchten. Pollione schmettert in goldblitzendem Brustpanzer und viriler Ekstase seinen Adalgisa-Liebestraum:
George Oniani und Orchester liefern eine ins Satirische glänzend überzeichnete Bravourarie. Die Bühne dreht sich und auch das Geschehen. Wir blicken hinter die Kulissen in die Tristesse einer Operngarderobe. Die Sängerin der Adalgisa zieht ihr Kostüm aus, die Klamotte fällt, das Drama hebt an. Nicht der Römer Pollione taucht auf, sondern der italienische Sponsor der Operngala, der schmierige Formel-1-Manager à la Flavio Briatore, mit High Heels in der Hand und Polliones Verführungsbelcanto auf den Lippen. So erzählt der junge Regisseur Florian Lutz in einer Oper zwei und mehr Geschichten: die Bühnenseite und die Backstage-Seite, den karikierten Klassik-Kommerz vorn, hinten die existenzielle Liebesgeschichte, die prekäre Sängerinnenexistenz und die soziale Misere des Künstlers. Immer wieder muss die Norma-Darstellerin an die Showfront, während sie ihre beiden Kinder zwischendurch flott mit Wienerle und Ketchup versorgt. Virtuos spielt und singt Miriam Clark ihre beiden Normas, die Gala-Norma mit herzerweichendem zuckersüßen Schmelz und die wirkliche Norma mit aller Bitterkeit und Härte der betrogenen und ausgebeuteten Frau:
Und dann gelingt Florian Lutz am Ende das Kunststück, die verschiedenen Erzählebenen miteinander zu verbinden. Der Intendant verliert die Kontrolle über seinen Laden. Wahnsinn, Hass und Tod stoßen in die Gegenwart vor und überrollen Galavergnügen und Publikum gleichermaßen. So wird eine Kultoper des Schöngesangs lebendig und wahrhaftig. So zeigt das Musiktheater sein reiches Geschichtenpotenzial, wie es unter den zeitgenössischen Regisseuren nur solche vom Range eines Stefan Herheim zu aktivieren vermögen. Und Florian Lutz mit seiner Bonner "Norma". Dabei ist die Kunstfigur des Theaterdirektors nicht der bittere Preis, den man für das gewagte Projekt in Kauf nehmen müsste, sondern ein Gewinn. Nach einigen Arbeiten an kleinen und mittelgroßen Häusern sollten auch die großen versuchen, diesen Regisseur zu engagieren. Da passiert was.


Die Bonner Oper lebt noch - und wie!

Beinahe-Saalschlacht um NORMA bei den Asterixen

Wie soll Musiktheater aussehen in einer Stadt, in welcher der SPD-Oberbürgermeister (…) immer noch inständig versucht, seine Oper nach Köln zu verscherbeln und urplötzlich unerwartete Rückendeckung von jener "Chaoten-Partei" erhält, die sich sinnfällig (Nomen es omen) PIRATEN nennt. (…)
Angesichts eines in den Fluten des Ignorismus und der Blödheit lokaler Politik gerade ertrinkenden Opernhauses, muss auch auf der Bühne Flagge gezeigt werden. Dies tat der für spektakuläre Inszenierungen mittlerweile bekannte Jung-Regisseur Florian Lutz. (…).
(Ihm) gelang es zumindest, Folgendes unter einen Hut zu bringen: Eine ganze Asterixtruppe, einen opernbegeisterten scheinbar dauernd die Aufführung störenden Theaterdirektor und Impresario, Flavio Briatore und die klassische Oper NORMA. Der Saal kochte: Humor bei NORMA - das hatte es noch nie gegeben; welch ein Frevel! Die verbale Saalschlacht kam nicht unerwartet... Lynchgelüste signalisierten manche Zwischenrufe aus vermeintlich sich Luft schaffen wollenden edlen Opernretter-Kehlen. "Wir wollen Bellini!" - "Das ist Theater von 1972!" -"Scheiße!" -"Sofort aufhören!" Provozierte Gegenstimmen, wie "Ruhe auf den billigen Plätzen!" - "Das ist Theater!" schufen ein demokratisches Gleichgewicht der spontanen Meinungsäußerungen schon während des Stücks.
Den Impresario (der ja eigentlich überhaupt nicht in die urtümliche Geschichte herein gehört) bot mit Herz und überzeugender Inbrunst der großartige Roland Silbernagl - sicherheitshalber wird er auf dem Programmzettel erst gar nicht genannt. (…)
Um den römischen Bösewicht und Besatzer Pollione in einen bekannten Gangster-Casanova zu verwandeln, wurde er vom Regieteam in "Flavio Briatore" umbenannt. Der großartige George Oniani musste den einen singen und den anderen mimen, was ihm fabelhaft gelang. (…)
Eine Sensation war (mal wieder) die fabelhafte und als Norma schon öfter mehr als bewährte Miriam Clark in der Titelrolle; sie ist nicht nur eine traumhafte Sängerin, sondern auch eine Vollblut-Actrice. Ihr stand, obwohl leider nicht ganz so braviert, eine weitere Traumstimme in nichts nach: Nadja Stefanoff ergänzte als Adalgisa diesen musikalischen Traumabend, wobei das Beethovenorchester Bonn sowohl im Orchestergraben, als auch teilweise auf der Bühne (Banda) wieder einmal bewies, daß es zu den besten in Deutschland gezählt werden muss. Robin Engelen zeigte sich als umsichtiger und toleranter Orchesterleiter; nicht jeder Maestro hätte so manche Späße im ersten Teil mitgemacht, welche sich die Regie mit Noten und Dirigent erlaubte (…)
Nach viel Klamauk im ersten Akt, war es eigentlich klar, daß man hier doppelbödig arbeiten würde und so gestaltete sich das Stück im zweiten Teil zum unerwartet ergreifenden und im Finale sogar schockierenden Psycho-Drama. Es wäre unredlich zuviel zu verraten; ich käme mir dann vor wie 1962 Wolfgang Neuss, der (wie gemein!) den Namen des Halstuchmörders vorzeitig verraten hatte. Das nähme auch den künftigen Besuchern, die hoffentlich in Scharen nach Bonn strömen, viel von der ungeheuren Spannung, welche dieser einmalig und sehr gelungene Musiktheaterabend zu bieten hat. Ich sortiere da auch einige Szenenbilder, auch aus Rücksicht auf sensible Seelen, aus - bitte um Verständnis.
Last but not least ein Riesenlob für Mechthild Feuerstein und ihre originellen Asterixkostüme, Martin Kukulies für diese bravouröse Bühnengestaltung und die fabelhaften Damen und Herren von Chor und Extrachor (Leitung: Sibylle Wagner) für diesen unvergesslich tollen Theaterabend. (…) Ich appelliere vor allem an alle fröhlichen jungen Opernfreunde und Opernbegeisterten: Auf nach Bonn! Wie sagte schon der alte Richard Wagner sehr klug "Schafft Neues, Kinder!" Das ist diesmal in Bonn wahrlich und sehr sehr unterhaltsam gelungen. Übermorgen bin ich wieder dabei!
Peter Bilsing (Der Opernfreund, 29.10.12)