Mechthild Feuerstein
 
   
Fotos: Oliver Fantitsch  
Der gute Mensch von Sezuan von Bertolt Brecht
Regie: Stefan Nolte
Bühne: Oliver Gather
Kostüme: Mechthild Feuerstein
Theater St. Gallen, März 2004
  "Würfelspiel für Fortgeschrittene
...Nicht nur, weil er als Erster auftritt, steht er auf der Besetzungsliste im Programmheft zuerst: Wang, der Wasserverkäufer aus Bertolt Brechts Parabelstück „Der gute Mensch von Sezuan“, ist in Stefan Noltes Inszenierung am Theater St. Gallen die heimliche Hauptperson. Was heisst auftreten: Wang (Marcus Schäfer) taucht auf aus einem kleinen Wasserbecken, in dem er wie im Mutterleib schwimmt, zusammengekauert und durch eine Nabelschnur atmend. Ein armer Schlucker mit regressivem Trieb, doch willens, gegen die eigenen Schwäche zu kämpfen und das Gute – auch in sich selbst – zu suchen. Bei Nolte hetzt sich auf der Suche nach dem guten Menschen Wang ab statt der Götter. Nolte und sein Bühnenbildner Oliver Gather machen aus der Armen Provinz Sezuan ein psychoanalytisches Traum-Kabinett fern jeder Folklore. Der Tabakladen, den Shen-Te als Dank für ihre Gastfreundschaft von den Göttern erhält und den sie nur halten kann, indem sie einen Schatten, den kompromisslosen Vetter Shui-Ta erfindet, ist ein multifunktionaler Würfel, der als Symbol für die Ich-AG steht und als manipulatives Spielzeig der Mächtigen gekennzeichnet ist. Die Handlung mit ihren dialektischen Volten erscheint als halluzinativer Tauchgang in die Abgründe gesellschaftlicher Konflikte. Sie wird von dem uniformen Trio der Götter, das hinter transparentem Vorhang wie das dreifache Über-Ich Wangs erscheint, immer unzufriedener kommentiert. Shen-Tes Leidensweg geht dabei keineswegs unter. Diana Dengler gelingt es besonders gut, den Kraftaufwand der Verstellung und die Verkrampfung der Brutalität fühlbar zu machen. Shui-Ta braucht Shen-Te genauso wie sie ihn, hat diese Tatsache aber nicht in seine Überlegungen eingebaut. Shen-Te, ganz Shui-Ta geworden, ist drauf und dran, sich selbst zu vergessen. Die Götter verstauen ihre Ich-AG-Würfel wortlos in die Aktenkoffer und steigen erhobenen Haupts die Treppe im Zuschauerraum empor. Ist das Experiment gescheitert, packen sie ein – oder gehen sie ihrer Beförderung entgegen? Stefan Noltes zweite St. Galler Inszenierung gehört zu den Theaterabenden, an denen man den vielen offenen Fragen mit offenem Munde gegenübersitzt – und doch zu denken nicht aufhören kann."
NZZ 10.03.04